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Es ist davon auszugehen, dass das eingangs erwähnte geheime Wissen in der
Schule von Chartres nicht bekannt war, da es im Mittelalter bereits verschollen war.
Dennoch entwickelten die Lehrer der Schule darunter Fulbert, Thierry, Johannes
von Salisbury, Alanus ab Insulis, Bernhard von Clairvaux , meist Naturphilosophen,
eine eigene Kosmologie, die thematisch um den Wiederaufstieg des Menschen zu
Gott, seine Wiedergeburt, kreiste:
Gott verströmt sich aus dem Einen in die Weltseele und erschafft einen gestuften
Kosmos, in dem der Mensch, relativ weit unten stehend, schrittweise seinen
Rückweg zu Gott antritt.
Von den klassischen Werken der Antike wurde in der Schule von Chartres vor allem
Platons Timaios mit großem Eifer gelesen und immer wieder neu interpretiert, obwohl
damals noch nicht einmal vollständig überliefert. Im Timaios findet sich eine
Teststelle, die nicht nur deutlich die Blume des Lebens beschreibt, sondern auch
zum Ausdruck bringt, dass der Kosmos von Gott beseelt ist:
Demjenigen lebendigen Wesen, welches alles andere Lebendige in sich fassen soll,
dürfte nun wohl auch eine Gestalt angemessen sein, welche alle anderen Gestalten
in sich fasst. Deshalb drehte er [Gott] sie denn auch kugelförmig, so dass sie von der
Mitte aus überall gleich weit von ihren Endpunkten entfernt war, nach Maßgabe der
Kreisform, welche von allen Gestalten die vollkommenste und am meisten sich selber
gleiche ist ... Diese ganze Erwägung nun also desjenigen Gottes ... bewirkte, dass
der Körper der Welt glatt und eben und überall gleich weit vom Mittelpunkte
abstehend und in sich geschlossen und vollständig aus Körpern, die schon selber
vollständig waren, gebildet wurde. Die Seele aber pflanzte er in die Mitte desselben
ein und spannte sie nicht bloß durch das ganze Weltall aus, sondern umkleidete den
Weltkörper auch noch von außen mit ihr. Und so richtete er denn das Weltganze her
als einen im Kreise sich drehenden Umkreis ... (Platon: Timaios, 33b, 34b,
Hervorhebungen von der Autorin).
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